Kategorie Texte

1. Platz: Das Märchen von einem, der auszog, das schwarze Gold zu graben, von Banu Altun

Es war einmal, werde ich beginnen, wenn ich in einer sich mir farbenfroh und gleichzeitig ungewiss grau zeigenden Zukunft meinen Kindern eine Gutenachtgeschichte erzähle, sie dabei gemütlich zudecke und mich zu ihnen an den Bettrand setze, es war einmal ein Mann in einem weit entfernten Dorf eines weit entfernten Landes, der sich mit Stock und Hut auf die Reise machte, das Goldgraben zu lernen.

Ich liebe Märchen. Habe schon als Kind Trost in den Geschichten gefunden, in denen am Ende stets das Gute siegt. (Vielleicht hatte ich auch eine Schwäche für gutaussehende Prinzen, aber das müssen meine Kinder ja nicht wissen.) Noch heute, mit meinen 21 Jahren, schwärme ich für ehrenvolle Taten und zauberhafte Feen, für phänomenale Feste, spannende Abenteuer und unvergleichliche Freundschaften, von denen Märchen aus aller Welt erzählen. Vor allem aber sehne ich mich nach den Happy Ends dieser Geschichten, von denen ich wie wohl auch jede und jeder andere hoffe, mein Leben möge auf diese Weise enden.

Märchen machen Mut und schenken mir Trost. Deshalb werde ich sie auch meinen Kindern erzählen, Nacht für Nacht. Und dabei liegt mir eine Geschichte besonders am Herzen; eine, in der keine Feen auftauchen oder Riesen oder ehrenvolle Prinzen, aber eine, die trotzdem gefüllt ist mit Wundern. Von Freundschaft, einem Abenteuer und einer neuen Heimat.

Die Geschichte des Mannes, der auszog, das Goldgraben zu lernen. Die Geschichte ihres Urgroßvaters.

Es war einmal, werde ich also beginnen, ein junger Mann, der in einem Land fern von uns in einem armen Dorf hoch in den Bergen lebte; so hoch, dass er die Wolken tasten konnte, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte, wo sein Heim aus Holz bestand, die Luft kristallklar war und man im Winter im Schnee versank. Als er alt genug dafür war, verließ er das Dorf, um in den Städten zu arbeiten. So erreichte ihn der Ruf aus Deutschland. Dort suche man nach Arbeitern für die Zechen, sagte man, starke Männer, die unter der Erde malochen würden und Kohle zu Tage fördern. Schwarzes Gold nannte man es. Der junge Mann packte seinen Mut und seine Siebensachen in einen kleinen Koffer, verabschiedete sich schweren Herzens von seiner Familie und machte sich auf den Weg in das Land der Möglichkeiten. Ein paar Jahre würde er arbeiten, Geld sparen und zurückkommen in seine Heimat, den Ort, wo man den Tag mit süßem Schwarztee startete und wo fünf Mal am Tag der von den Moscheen hallende Ezan zum Gebet einlud.

Er kam also in die Fremde und mit ihm weitere Männer aus anderen fernen Orten. Sie alle waren unterschiedlich und doch gleich fremd in einem Land, in dem man nicht in Moscheen, sondern in Kirchen betete und statt dem Morgentee ein Morgenkaffee auf den Tisch kam. In ein Land, in dem er nur die harte Sprache der körperlichen Arbeit sprach und die der Kameradschaft unter Tage, wo es sehr dunkel war. So wie sein Gesicht, wenn er nach vielen Stunden des Malochens mit seinen Kumpel staubbedeckt wieder an die Erdoberfläche trat und der frische Wind sie zärtlich begrüßte.

Sechs Jahre später folgte eure Urgroßmutter ihm in die Fremde, werde ich meinen Kindern erzählen, und sie nahm ihre beiden Kinder mit, die ihren Vater schrecklich vermisst hatten. Darunter euer Großvater, werde ich sagen. Er ist der erste Stein des Märchens, zu dem auch ich gehöre, und als er viele Jahre später eure Großmutter heiratet und sie hier ihre Familie gründen, beginnt es so richtig.

Manchmal lehne ich mich zurück und denke: Was wäre, wenn…
Ich lasse den Gedanken frei umherflattern, lasse ihn von Bild zu Bild springen, ein jedes für einen Weg stehend, den mein Leben hätte nehmen können, wenn mein Großvater damals nicht nach Deutschland gekommen wäre. Wenn mein Vater nicht geblieben wäre, als sein Vater es nicht mehr tat und nach vielen Jahren Malochen in seine Heimat zurückkehrte, das Land des Schwarztees und des Ezans. Wenn ich nicht in einer Bergbausiedlung aufgewachsen wäre, im Schatten der Halde gleich neben den Zechengebäuden mit den heute zersprungenen Fenstern und Graffiti auf den Backsteinen, im gleichen Haus, welches mein Großvater damals bewohnte und mit Nachbarn, die das Fremdsein mit ihm teilten. Was wäre, wenn…

Letztlich bin ich hier. Aufgewachsen bin ich hier, Freundschaften geschlossen habe ich hier, geträumt habe ich immer von einer Zukunft hier, meine Heimat ist hier… und auch dort. Dort, wo der Mann herkam, das Goldgraben zu lernen. Dort, wo ich nicht bin, aber dem ich mich mit jedem morgendlichen Schlückchen süßen Schwarztees nah fühle. Mein Herz gehört zwei Ländern, zwei Sprachen, zwei Kulturen, ist hier und dort.

Märchen spenden Trost und schenken Hoffnung. Ich möchte, dass es auch mein ganz persönliches Märchen tut. Doch woran werde ich wachsen? Ich habe nicht gegen in der Lunge klebende Staubpartikel kämpfen müssen wie mein Großvater oder mit sieben Jahren plötzlich darum, eine Sprache mit vielen harten Rs und anscheinend willkürlich gesetzten der, die, das von Grund auf neu zu erlernen, wie mein Vater. Was also ist mein Abenteuer?

Jedes Märchen hat einen Bösen. Etwas, gegen das man kämpfen muss. Und in meinem ist es die Angst.

Angst, die eklig um unser aller Beine wabert und die ich verzweifelt versuche wegzukicken. Angst, von der ich nicht verstehe, woher sie kommt und wie sie es schafft, sich mit ihren eisernen Krallen in die Herzen so vieler zu haken. Angst, die mir manchmal die Luft zu atmen nimmt und von der ich mich frage, ob sie doch eher Hass ist. Ich will nicht, dass es Hass ist. Hass von außen gegen den anderen Ort in meinem Herzen, Hass gegen die Sprache mit dem weichen R, die mir so selbstverständlich von der Zunge geht wie die mit dem harten R, und Hass gegen das Tuch auf meinem Kopf, von dem ich den Eindruck habe, manche Leute sehen an mir nicht mehr als das und sperren mich gleich in eine Schublade, etikettiert mit der Aufschrift: Nicht von hier. Wird es nie sein.

Hass ist schlecht. Aber Märchen enden gut. Also werde ich meinen Kindern zärtlich über ihr weiches Haar streichen und lächelnd erzählen, wie bunt doch das Land ist, indem mein Großvater einst fremd war und ich es nicht mehr bin. Ich werde ihnen von der Kraft dieser Buntheit erzählen, von der Liebe, von den guten Freundschaften, von der Gemeinschaft. Davon, dass ich nicht kämpfen musste, weil wir gemeinsam stark sind und trotz unserer unterschiedlichen Schalen im Innern doch gleich erfüllt von der Hoffnung auf ein Happy End.

Und wenn wir nicht gestorben sind, werde ich sagen und meinen Kindern einen Gutenachtkuss auf die Stirn hauchen, dann leben wir noch heute, glücklich jeden Morgen unseren Schwarztee schlürfend und dann in den Tag startend, in eine Welt, in der jedes der, die, das von sich aus Sinn ergibt und doch nicht mehr so willkürlich gesetzt erscheint, mit einem Herzen, das zwei Orten gehört und an beiden Orten aufgeregt schlägt in dem Wissen: Ich und du, wir sind von hier.

Aus den Jury-Begründungen

Wow! Wundervoll. Kraftvolle, märchenhafte Bilder einer harten Wirklichkeit und doch so zärtlich, liebevoll und hoffnungvoll pointiert! Sehr schön geschriebene Geschichte, die sowohl vier Generationen miteinander verbindet als auch Realität und Märchen gekonnt miteinander verwebt.

Lies auch die

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Sprecherin: Lisa Cardinale
Regie: Tom Blankenberg

Kurven von Ella Hindermann

Die allererste Frage, die tief in meinen Kopf hineinkriecht und so schnell auch keinen
hitzigeren Ort auffindet,
stelle nicht ich mir.
Sie spinnt sich nicht in meinen Gedanken zusammen,
sie klettert durch meine Ohren die schon vor Kilometern von Kurven versagten,
als sie auch den letzten Hauch Gleichgewicht verloren, gleich neben den gigantischen
Felsen vor dessen Brüchigkeit Straßenschilder warnten und ich zu meiner Rechten nichts
als eine riesige, bewegte blaue Fläche erahnte
der, der sie stellt sitzt neben mir, sieht mich an aber ich kenne ihn nicht
mit verengten Augen starrt er in mein Gesicht
redet von «ihr» als er über mich spricht und fragt:
«Wird sie wirklich auch an Weihnachten noch bei uns sein?»
ich bin es

nicht

gewohnt, in der Küche ungefragt zu sein, «helfen,
ist nichts für Kinder» schon gar nicht für welche wie mich die sich gar nicht richtig
konzentrieren weil sie so damit beschäftigt sind nicht zu kapieren wie man alles was
irgendwie rumliegt oder stört oder Katzenhaar oder Hühnerknochen oder Linsenrest
scheint,
in einem großzügig kalkulierten Abfalltonnen-schmückenden Plastiksack vereint.
Den Begriff «Trennung» kennt man hier eher aus dem häufigen Zusammenhang eines
Eheüberdenkens,
ich bekomme übrigens zunehmend das Gefühl, Männern kann man kein Vertrauen
schenken. Es ist regelrecht absurd,
wie plötzlich sich mein Gastvater scheiden

lässt

«…das irgendwann nach?» rufen meine Eltern von meinem Bildschirm aus. Wir hören
uns nicht mehr, denn da ist dieser donnernde Lärm, ich habe keine Ahnung was das ist.
«Vielleicht die Waschmaschine», schreie ich und wir warten ein paar Augenblicke bis das
Geräusch irgendwann leiser wird und präziser und mich auf einmal nicht mehr ein
gewaltiger sondern viele kleine Lärmsplitter umgeben
und ich kaum fassen kann ihnen zu sagen: «…das war wohl mein erster

Regen!»

-bogenzeit ist hier für gewöhnlich im Spätsommer, sich abwechselnd mit Zyklonphasen
und Walsaisons. Des Schulbusfahrers Musikgeschmack ist zu akzeptieren und bei Wahl
der vordersten Sitzreihe ist dringendst auf Hygiene zu achten, da diese später vom Fahrer
als Ort der Sièste weiterverwendet werden möchte. Auf Verlangen eines diktatorischen,
diktierenden Lehrers gilt es rasch mitzuschreiben. Bei Dämmerung, besonders in Folge
eines Wolkenbruchs, sollte auf keinen Fall an den schwarzsandigen Stränden baden
gegangen werden, «ERHÖHTES HAIRISIKO»! Das Verriegeln des Schultors vor und nach
jeder Unterrichtseinheit sowie die routinemäßigen, dreiviertelstündlichen
Anwesenheitskontrollen im Unterricht sind lediglich zur Bewahrung der eigenen

Sicherheit

bietet mir nur der Mond, denn ihn, fällt mir ein, kenne ich von früher
von meiner Zeit an dem Ort an dem Zeit etwas war
was verstrich
dann aber plötzlich wieder da
aber selten, um sie sie sich zu

nehmen

die wirren Träume irgendwann ab? Die sich nach Wirklichkeit anfühlen, mehr als das,
was außerhalb meiner Traumwelt geschieht und mir eher als eine gehaltvolle Illusion
begegnet. Ich komme nicht mehr hinterher mit all den Fragen die sich verheddern im
langen Faden meiner Gedanken der nicht mehr rot ist, weil alles was rot ist mir
irgendwie Angst macht seitdem ich mich beinah an der Schärfe des Piments in der hoch
gepriesenen Vorspeise Nummer vier verschluckt

hätte,

ich doch nur dankend abgewunken. Alles ist mir so fremd, alles ist anders und anders ist
irgendwie auch ziemlich doof weil es anders anders ist, als ich mir das vorgestellt hatte.
Ich glaube manchmal nicht daran, dass ich mich noch auf der Erde, geschweige denn in
Westeuropa befinde, dafür sind die Menschen hier irgendwie zu… lebendig. «Wir
Kreolen bauten unsere Häuser auf einen aktiven Vulkan, deswegen sind wir feurig und
sprudelig und verrückt!» Na bitte, da haben wir’s. Einfach sehr verschieden, sie und

ich

finde das Sprungbrett einfach nicht, dessen Ende in den hellen See hineinragt in dem
jeder hier zu schwimmen scheint. Dieser See hat exakt den gleichen Umriss wie die Insel
selbst,
er reißt alle mit und wirbelt sie durcheinander und erfrischt
und ich sehne mich nach diesem, kühlen Wasser

vielleicht zu sehr, als dass ich auch nur einen Augenblick davon abkommen könnte zu
bereuen und zu grübeln und mich selbst zu verankern an einer Phantasie von Glück,
die nicht mal ansatzweise dem entspricht, was sich am Boden dieses See befindet, in
den ich nicht hineinspringe.

Vielmehr lasse ich mich tragen, von der weichen Oberfläche des Wassers vom flachen
Ufer ausgehend ganz sachte,
und erlaube es mir, hineingezogen zu werden in etwas… Unermessliches
worin ich mich bereits seit dem ersten Moment in der Fremde befand die bald Heimat
sein wird und was einmal Heimat ist das bleibt es wohl zeit-

lebens-

Zeit kann man nicht schöner verbringen, als zu merken, dass man falsch lag
und Harmonien zwischen losen Tönen erklingen und ich beginne in meinem Rhythmus
zu schwingen in einer Welt die ich vielleicht nicht verstehen

muss

man sich eigentlich bedanken, wenn man unfreiwillig auf einer riesigen Party auf die
Bühne gerufen wird und es heißt, man habe «soeben den Hauptpreis gewonnen» und
kurz lebt da diese überraschte Freude auf und dann bekommt man das Mikro und einen
7,5°C gekühlten, «frisch gerupften» Hahn in die Hand gedrückt?

Aus den Jury-Begründungen

Wunderbarer Poetry Slam mit viel Wortwitz. Man muss bei den Übergängen der Absätze lächeln und freut sich auf den nächsten Absatz. Eine wahre Freude, das zu lesen. Poetisch, außergewöhnlich, klasse!

Der Text als Audio-Datei

Sprecherin: Lisa Cardinale
Regie: Tom Blankenberg

Neuanfang von Julian Lange

Der Schnurrbart schaufelte Schlamm von der Straße, die Anglerweste sammelte die Gegenstände auf, die noch zu retten waren. Die Armee der Namenlosen hatte die Stadt geflutet. Arîan blickte in bekannte Gesichter, die zu Personen gehörten, deren Namen er nicht kannte. Deswegen benannte er die Personen gedanklich nach ihren auffälligsten optischen Merkmalen. Die Anglerweste ging dazu über, eine Sammelstelle mit Sperrmüll zu errichten.

Arîan war sich sicher, dass die Menschen auch seinen Namen nicht kannten. Und nicht nur das: Für die meisten der Anwesenden war er nicht nur namenlos, sondern auch gesichtslos. Einer der Geflüchteten. Einer, dessen Gesicht man sich nicht merkte. Seit nunmehr fünf Jahren wohnte er in der kleinen, idyllischen Kleinstadt im Westen Deutschlands. Fünf Jahre, in denen er in einer Art Blase gelebt hatte und in denen er kaum Kontakt zu den Einheimischen hatte aufbauen können. Doch heute störte ihn das zum ersten Mal gar nicht. Es gab andere Probleme.

„Er ist weg, Mami. Im Wasser verschwunden! Und Eddie kann doch noch gar nicht schwimmen.“ Das kleine Mädchen, das auf zwei maroden Holzpaletten mitten auf der einstigen Straße saß, beendete den Ausruf mit einem lauten Schniefen. Ein regelrechter Wasserfall ergoss sich augenblicklich über ihre Wangen.
„Nicht weinen, Schatzi. Wir finden Eddie, versprochen!“, sagte die dunkelgrüne Brille, die neben dem Mädchen saß und vermutlich dessen Mutter war. Sie hatte den Arm um ihre Tochter geschlagen und Arîan erkannte, dass es ihr schwerfiel, nicht in den Weinkrampf einzusteigen. Er konnte nicht ausschließen, dass das Leben dieser jungen Familie irgendwo zwischen den Schuttbergen begraben lag. Zusammen mit Eddie, von dem er glaubte, dass er das Haustier der Familie gewesen war.

Fast zwei Tage war die Katastrophe nun her. Der Mittwoch hatte angefangen wie jeder andere Tag. Ja, es hatte geregnet und ja, es war ungewöhnlich viel Regen für einen Tag Mitte Juni gewesen. Aber niemand hatte zu diesem Zeitpunkt geahnt, dass der Tag als ein trauriges Kapitel in die Stadtgeschichte eingehen sollte. Noch am Dienstag waren zahlreiche Touristen durch die pittoresken Gassen der Altstadt geschlendert, die heute von Sperrmüll gesäumt und mit einem Schleier aus Schlamm bedeckt waren. Ein reißender Fluss durchquerte die Stadt an der Stelle, an der zuvor ein ruhiger Bach geflossen war. Überall lagen Haushaltsgegenstände, Holzbretter und Autos. Oder das, was von ihnen übriggeblieben war. Alles war dem Erdboden gleichgemacht worden.

Die pinken Gummistiefel hatten begonnen, Schlamm mit einer Schubkarre abzutransportieren. Auch wenn die Farbe der Stiefel nur an zwei kleinen Stellen durchblickte und sie davon abgesehen mit Schlamm bedeckt waren, reichte es aus, dass Arîans Gehirn der Frau diesen Namen gab. Er fragte sich, ob sich die Frau für die völlig deplatzierte Farbe ihrer Gummistiefel schämte oder ob es ihr angesichts der Situation völlig egal war, wie sie aussah. Er bemerkte, dass es der Frau nicht entgangen war, dass er sie beobachtete. Sie blickte ihn einen kurzen Moment an, als wolle sie ihn auffordern, nicht so untätig herumzustehen. Sie sagte nichts. Aber er hätte es ihr nicht verübelt. Sie hätte völlig Recht gehabt.

Arîan hatte die letzten beiden Tage kaum schlafen können. Zu präsent waren die Bilder der Katastrophe, die sich immer wieder in seinen Kopf gebohrt hatten. Bilder von weinenden Kindern und zerrissenen Familien. Aber auch Bilder seiner Vergangenheit, den dunkelsten Stunden seines Lebens. „Es sieht aus wie im Krieg“, hatte er manche Leute sagen hören in den letzten beiden Tagen. Und sie hatten Recht. Arîan konnte das beurteilen, denn er war vor dem IS aus dem Irak geflohen. Die terroristische Miliz war 2014 in sein Heimatdorf im Norden Iraks eingefallen, hatte Männer getötet, Frauen und Kinder versklavt. Er war entkommen, Wochen später in einem kurdischen Flüchtlingslager untergekommen und schließlich nach Europa geflüchtet. Und es stimmte. Die Bilder seiner neuen Heimat erinnerten ihn an die Bilder seines Heimatdorfs zu dem Zeitpunkt seiner Flucht. Seit zwei Tagen gab es keinen Strom, kein Trinkwasser aus der Leitung, von Internet ganz zu schweigen. Arîan hätte sich nie vorstellen können, dass er in Europa ähnliche Zustände wie im kurdischen Flüchtlingslager erleben würde. Doch nun war es so weit.

„Alle mal hierüber!“, trommelte der Schnurrbart die Helfer zusammen. Vermutlich, um den weiteren Plan abzustimmen. Arîans Blick fiel unweigerlich auf den überdimensionalen Schnurrbart, der an den Seiten gezwirbelt war und überhaupt nicht zu dem schmalen Kopf des Mannes passen wollte. Er kannte diesen Mann, die beiden verband eine leidige Vorgeschichte. Vor fünf Jahren hatte der Schnurrbart mit einigen anderen Bewohnern eine Petition gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft gestartet. Das Vorhaben war gescheitert, die ablehnende Haltung gegenüber den Flüchtlingen war geblieben. Und so kam es, dass Arîans Überraschung groß war, als der Schnurrbart auch ihn zur Runde dazu winkte. „Kannst du am Bach mit anpacken!?“, fragte er und zeigte Arîan den Bereich, für den er zuständig war.

Arîan folgte der Anweisung, ging zum Bach und traf dort auf weitere Helfer. Die kleine Brücke, die noch vor wenigen Tagen den Weg über das Gewässer ermöglicht hatte, war völlig zerstört worden. Arîan erstarrte bei dem Anblick. Er wollte helfen, keine Frage, aber das Geräusch des fließenden Wassers entflammte längst verdrängte Erinnerungen in ihm. Vor sich sah er nicht mehr den Bach einer westdeutschen Kleinstadt, sondern das Mittelmeer. Das Trauma seiner Flucht war nie aufgearbeitet worden. Er fühlte sich zurückversetzt in das völlig überfüllte Schlauchboot, in dem mindestens fünfzig weitere Menschen gesessen und um ihr Leben gebangt hatten. Er hatte damals bereits mit seinem Leben abgeschlossen, als die Seenotrettung gekommen war und ihm und den anderen Insassen einen zweiten Geburtstag geschenkt hatte. Erst eine Entdeckung am Rand des strömenden Bachs lenkte Arîan von seinen Gedanken ab. Er bückte sich, versuchte dabei, möglichst wenig Kontakt mit dem Wasser zu haben und hielt schließlich einen kleinen Elefanten aus Holz in der Hand. „Für Mia. Dein Opa“, war darin eingeritzt. Arîan konnte sich nicht erklären warum, aber der Elefant gab ihm Kraft. Er lenkte seine volle Aufmerksamkeit auf das Leid, das sich hier zugetragen hatte und entfachte die nötige Energie, die es brauchte, um anzupacken. Es galt nun, verloren geglaubte Existenzen wiederherzustellen.

Erst der laute Ruf des Schnurrbarts einige Stunden später unterbrach die Arbeit der Helfer, die sich umgehend wieder sammelten. Schon zum zweiten Mal heute überraschte der Schnurrbart Arîan, indem er ihn kurz zur Seite nahm. „Danke für deine Unterstützung“, sagte er und streckte im nächsten Moment seine Hand aus. „Giovanni“.
„Ich bin Arîan, freut mich“.
Giovanni war der erste der Namenlosen, die an diesem Abend einen Namen erhielten, aber es sollten noch viele folgen. Die Anglerweste hieß von nun an Benno, die pinken Gummistiefel Alma, die dunkelgrüne Brille Lena und ihre Tochter Mia.
„Eddie! Du hast Eddie gefunden!“, sagte Mia mit einem Blick auf den kleinen Holzelefanten und umarmte Arîan.

Aus den Jury-Begründungen

Überraschend, stilsicher und bewegend. Insbesondere die Verknüpfung der Themen Flutkatastrophe und Flucht, die Namenlose zu Freunden macht und zeigt, dass wir alle in der selben Welt sitzen.

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Sprecher: Patrick Mölleken
Regie: Tom Blankenberg

Die ewige Reise von Charlotte Uphues

Allein in diesem Raum,
Trotz großer Überfüllung
Derselbe Alptraum.
Kein Mensch, nur Hülle.

Frieden, Offenheit, Toleranz, Liebe.
Sie sagte es gäbe nur diese Chance.
Das war die einzige Perspektive.
Noch immer stehe ich hier wie in Trance.

Träume, Zukunft, Optimismus, Glauben.
Risiko, Gefahr, Wasser, Todesangst.
Eine neue Welt in seinen Augen.
Trotz Dunkelheit sah ich wie du ertrankst.

Kälte, Rauschen, Schwerelosigkeit; Land.
Augen auf, zu. Der Himmel stürzt nieder.
Ich bin allein, um mich herum niemand.
Jede Nacht seh´ ich dich als Funkeln wieder.

Kein Pass, nur ein Name auf dem Papier.
Kein Hab, Gut, nur der Stoff am Körper.
Wie Tiere: Ein Leben im Zeltquartier.
Und überall diese neuen Wörter.

Einteilung nach Statistik und Zahl.
Weiterreise mit unbekanntem Ziel.
Werden nicht gefragt, haben keine Wahl.
Meine Leben ist des Mächtigen Spiel.

Berichte, Prüfung, kritische Fragen.
Ausbildung, Examen und Sprachstunden.
Ich traue mich nicht, mich zu beklagen.
Nur mit andern Flüchtlingen verbunden.

Stets mit Mühe, Fleiß und großem Antrieb.
Aber innen Druck und Angst – keine Rast.
Oft in mir selbst ein neuer alter Krieg.
Ein neues Leben erreichen als Last.

Äußerlich anders, innerlich leer.
Gibt es noch Träume und Perspektiven?
Zwischen und heute und gestern nur das Meer.
Allein, doch ohne Alternativen.

Wer möchte ich morgen denn einmal sein?
Nicht mehr einsam in deinem Sternenschein!
Endlich steh ich auf und geh bis zum Rand.
Ich öffne die Augen und seh´ die Hand.

Wieder in dem Raum,
kein Teil der Massen.
Heute kein Alptraum,
Denn heute kann ich ihn verlassen.
Als Individuum.

Meine Heimat habe ich nie verloren, sie ist nur gewachsen.
Denn mein Zuhause ist bei den Menschen die mir die Hand reichen, anstatt mich ertrinken
zu lassen und wo ich eine Zukunft für mich sehen kann.

Aus den Jury-Begründungen

Sehr starke Sprache. Sehr bewegend und originell verfasst. Eindrückliche, erschütternde Bilder...

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Sprecherin: Lisa Cardinale
Regie: Tom Blankenberg

Lautes Schweigen – Stille Mehrheit von Carla Schmidt

Es regnet in Strömen. Nur wenige sind gekommen. Erst drei Tage ist es her.
Drei Tage ist es her, dass ein rechter Terrorist wahllos migrantisierte Menschen in Hanau
tötete.
Drei Tage.
Und in einer mittelgroßen Stadt in Deutschland finden sich nur eine Handvoll Menschen
zusammen, um der Toten zu gedenken und eine Mahnwache abzuhalten.
Eine zierliche Person steht mit aufrechtem, wachem Blick und einem Mikro in der Hand in
der Mitte des Marktplatzes. Die Menschen um sie herum haben einen Kreis gebildet, Fotos
der Ermordeten liegen in Klarsichtfolien vor der jungen Frau. Der Regen prasselt
erbarmungslos auf sie herab, während sie mit ruhiger und kraftvoller Stimme die Namen der
Toten verliest.
Ich schaue auf die Fotos. Lebendige Augen strahlen mich durch die verregneten Folien an;
Lächelnde Gesichter junger Menschen. Sie sind Geschwister, Eltern, Kinder, Freund:innen
und Arbeitskolleg:innen gewesen.
Mein Blick wandert zu den Anwesenden. Die meisten, die heute hier erschienen sind, sind selber von Rassismus betroffen. Ich gehöre zu den wenigen Weißen.
Nach rassistischen Anschlägen wie in Hanau, Halle oder München wird oft gesagt, dass es
sich um einen Angriff auf die gesamte Gesellschaft handeln würde. Das stimmt nicht. Es ist
ein Angriff auf Menschen, die nicht weiß aussehen, die nicht „deutsch“ genug aussehen, die
täglich durch rassistische und antisemitische Sozialisation und Ideologie zu Anderen gemacht
werden. An den Rand gedrückt werden. Ausgegrenzt und getötet werden.

Als die junge Frau die Namen genannt hat, senkt sie ihre Arme und gibt dem Gedenken
Raum. Ein Band der Trauer und der Fassungslosigkeit legt sich um die Menschen.
Als sie erneut ihre Stimme erhebt, spricht sie davon, selbst schon oft Rassismus erlebt haben
zu müssen. Dass es nur Zufall war, dass nicht sie, ihre Eltern, Geschwister oder Freund:innen
unter den Toten sind. Ihre Stimme wird lauter. Wütender. Warum wird sowas einfach
hingenommen? Warum stehen hier nur so wenige Menschen? Warum schreitet so selten
jemand dazwischen, wenn sie angestarrt, beleidigt, angespuckt wird?


Ich schaue betreten vor meine Füße. Ich schäme mich.
Dafür zuhause lange überlegt zu haben, ob ich fahre oder lieber im Trockenen Netflix schaue.
Dafür, dass ich mich in der Vergangenheit schon so oft dagegen entschieden habe zu fahren.
Dafür, dass hier nur so wenige der weißen Mehrheitsgesellschaft stehen.
Ihre Wut füllt den ganzen Platz. Dringt in jede kleine Ritze der Mauern, in jede Häusernische.
Doch dann bricht ihre Stimme. Bis sie ganz versiegt. Ihre Schultern sacken zusammen, sie
lässt ihre Arme hängen. Auf ihrer Wange vermischen sich Regentropfen mit Tränen. Sie
weint. Entkräftet. Verzweifelt. Erschöpft. Schlagartig wirkt sie älter. Als hätte ihr jemand
einen bleischweren Mantel umgelegt. Sie strahlt eine unendlich tiefe Müdigkeit aus.
Hoffnungslosigkeit. Eine Freundin kommt auf sie zu, legt einen Arm um ihre Schultern und
nimmt ihr vorsichtig das Mikro weg.
Es regnet in Strömen. Rund 20 Menschen stehen betroffen im Kreis und schweigen.

Eine Stunde zuvor stand ich noch in meiner Wohnung und schaute aus dem Fenster. Die
schweren, grauen Wolken, noch vollgesogen mit dicken Regentropfen, hingen tief am
Himmel. Es blieb nur eine Frage der Zeit, bis sich der Regen über die Stadt ergießen würde.
Mein Blick fiel auf meine Stoff-Sneaker - definitiv nicht wasserdicht. Was bringt es da jetzt hinzufahren? Es macht doch wirklich keinen Unterschied, ob ich da bin oder nicht. Ich habe
mich trotzdem aufgerafft, weil es sich falsch angefühlt hätte nicht zu gehen. Weil ich
Verantwortung verspürt habe. Wie oft schon aber habe ich mich anders entschieden und bin
nicht gefahren. Ich habe mir oft eingeredet, es würde doch eh nichts bringen.

Als ich jetzt aber auf dem Platz stehe und in die Gesichter der Menschen schaue merke ich: Es
bringt etwas. Es macht einen Unterschied. Es bricht das laute Schweigen der Masse. Das laute
Schweigen der weißen Mehrheitsgesellschaft. Man trauert gemeinsam, hört zu. Man zeigt
Gesicht und ist füreinander da. Es geht um Solidarität. Darum zu zeigen: Ich stehe hier, weil ich so eine Tat nicht stillschweigend hinnehmen werde. Ob ich hier stehe oder nicht. Ob du
dort stehst oder nicht. Es macht einen Unterschied. Es macht einen Unterschied für einen
selbst. Es macht einen Unterschied für die anderen. Es macht einen Unterschied für die
Gesellschaft. Und vor allem: Es macht einen Unterschied für die junge Frau, der ihre
Hoffnung, Kraft und Zuversicht zu schwinden scheint. Die schon so viel gekämpft hat.
Ich. Du. Wir. Es liegt in unserer Hand, Solidarität zu leben, Gesicht zu zeigen und füreinander
da zu sein.

Aus den Jury-Begründungen

...einfühlsam und ehrlich verfasste Anteilnahme. Mutiges Eingeständnis!

Der Text als Audio-Datei

Sprecherin: Lisa Cardinale
Regie: Tom Blankenberg

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